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George Orwell: 1984 1998
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Ein Leben für die Freiheit

George Orwell wurde am 25. Juni 1903 als Eric Arthur Blair in Motihari in der damaligen britischen Kronkolonie Indien geboren, wo sein Vater als Kolonialbeamter arbeitete. Als Achtjähriger kommt er im britischen Eastbourne auf eine Privatschule und erhält schließlich aufgrund guter Leistungen ein Stipendium für das renommierte Eton College. Nach dem Examen geht Blair als Polizist in die britische Kolonie Birma (östlich von Indien), wo er den britischen Imperialismus kennen- und hassenlernt. Fünf Jahre später quittiert er den Kolonialdienst.
    Ab 1927 schlägt er sich zunächst in Paris und London als Tellerwäscher durch und lernt auch in Europa soziale und politische Ungerechtigkeit kennen. Er wird politischer Journalist und Autor und nimmt nun das Pseudonym George Orwell an, das ihn berühmt machen sollte. (George ist ein englischer Allerweltsname, der auch für St. George, den Drachentöter, steht, und Orwell ist der Name eines kleines Flusses in der Grafschaft Suffolk.) Als am 17.07.1936 mit dem Putsch des Generals Franco in Marokko der Spanische Bürgerkrieg beginnt, kämpft Orwell als freiwilliger Milizionär gegen die Faschisten und wird verwundet. Nach kurzer Genesung will er wieder an die Front, doch hat er nun in Barcelona einen weiteren Feind: die Moskau-treuen Stalinisten, seine vermeintlichen Verbündeten. Das hat einen Grund: Orwell ist politisch unabhängig und kritisiert offen das stalinistische Terrorregime der UdSSR, dessen Anhänger in der spanischen Republik ihn nun verfolgen.

Orwell flieht 1937 verbittert aus Spanien und verarbeitet seine Erfahrungen mit dem stalinistischen Terror in dem ersten seiner beiden weltberühmten politischen Romane: Animal Farm schildert mit den Mitteln einer Fabel die Wandlung der frühen Sowjetunion von einem Hort der Menschenrechte in ein totalitäres Terrorregime. Viele Schülergenerationen haben seither im Englischunterricht die Rolle der Schweine interpretiert. Bevor das Werk 1945 erscheint, arbeitet Orwell während des Krieges für die BBC und die britische Tageszeitung Observer, wo er sich mit dem deutschen Emigranten, Journalisten und Historiker Sebastian Haffner anfreundet. Nach dem Krieg arbeitet er an seinem zweiten großen Roman, 1984, der 1949 veröffentlicht wird und die Tyrannei des allmächtigen "Großen Bruders", des Big Brother, schildert und vor ihr warnt. Auch dieses Werk sollte Einzug halten in den Lehr-Kanon der Schulen und Universitäten. Ein Jahr später schon stirbt Orwell an Tuberkulose.

1984: Big Brother Is Watching You

Die Gesellschaft des fiktiven Staates Ozeanien ist eine totalitäre Überwachungsgesellschaft: Meinungsfreiheit gibt es nicht, das staatliche Ziel ist ein gelenktes kollektives Bewußtsein; wer eine eigene Meinung äußert, gilt als Gedankenverbrecher. Einer der wenigen dieser "Verbrecher" ist Winston Smith, der Held des Romans. Das allgegenwärtige Instrument der Überwachung ist der "Televisor", ein Kommunikations- und Überwachungsfernseher, der nicht abgestellt werden kann und dem "Großen Bruder" die totale Kontrolle bis in die privatesten Bereiche des Individuums hinein ermöglicht.
    Ein weiteres Instrument der Unterdrückung ist Newspeak, die künstlich veränderte "Neusprache" bzw. das "Neusprech", mit dem die Führung unmittelbar mehrere Ziele verfolgt:

Das mittelbare Ziel der Sprachmanipulation ist, die Ausdrucks- und damit Denkfähigkeit der Untertanen zu beschränken und in enge, kontrollierte Bahnen zu lenken; so sollen sogenannte Gedankenverbrechen unmöglich werden – eine Auflehnung gegen den Staat ist mangels Worten nicht einmal denkbar, also auch nicht machbar.

1998: Big Brother is changing your words ...

In den Zeiten des Kalten Krieges galt es den herrschenden Kreisen als ausgemacht, daß der totalitäre Überwachungsstaat nur jenseits des Eisernen Vorhangs zu finden sei, der Westen sei geradezu das Gegenmodell zum Totalitarismus des kommunistischen Ostens. Totalitäre Auswüchse wie etwa die der US-amerikanischen "Kommunistenverfolgung" der McCarthy-Ära oder des bundesdeutschen "Radikalenerlasses" wurden regelmäßig als Versuche verbrämt, die Gefahr gerade des Totalitarismus zu bekämpfen. Dennoch mußten sich die Vertreter der westlichen Staaten zusammen mit den Vorwürfen eines Marsches in den Überwachungsstaat immer auch den Vergleich mit den totalitären Praktiken speziell der östlichen Machthaber gefallen lassen: Es galt, sich von diesen positiv abzuheben.
    Seit dem Fall der innerdeutschen Mauer gibt es diese Konkurrenzsituation nicht mehr, und ein allmächtiger Staat wird als weniger bedrohlich wahrgenommen als Kriminalität und Terror, denen populistische Staatsmänner heute medienwirksam den Kampf ansagen. Kaum jemand regt sich heute darüber auf, daß mehr als eine halbe Million Kameras Bahnhöfe, Banken, Geldautomaten, Hotels, Kreuzungen, Parks und Parkplätze, Supermärkte, Tankstellen und viele öffentliche Gebäude überwachen; viele Bürger wissen es nicht einmal. Mindestens so undurchsichtig sind die Überwachungsfähigkeiten und -tätigkeiten des Computers, den es im politischen 1984 ja noch nicht gab: Buchungsvorgänge werden ebenso aufgezeichnet wie Einkäufe und Internet-Zugriffe, und die sog. Online-Durchsuchung privater PCs wurde ohne gesetzliche Grundlage bereits praktiziert und soll in einem neuen "BKA-Gesetz" kodifiziert werden.

Nicht ganz neu, aber dennoch überraschend ist der Versuch, auch die Sprache dem Gestaltungswillen des Staates zu unterwerfen. Was die Nationalsozialisten 1941 und 1944 versuchten, aber unter dem Druck der Kriegsereignisse nicht umzusetzen vermochten, wurde ein halbes Jahrhundert später in den 90er Jahren überraschend konkret: eine Schreibreform, die sich unter anderem explizit nicht mehr an den Bedeutungen der Wörter orientieren wollte, sondern an formalen Kriterien, und dadurch viele Wörter in ihren Bedeutungen zu ändern bzw. zu vernichten trachtete. So formuliert der Duden unter www.duden.de/neue_rechtschreibung/ ungeniert (Hervorhebung durch den Autor):

Die Neuregelung stellt hier zwei Prinzipien in den Vordergrund. Zum einen wird in Zukunft darauf verzichtet, Bedeutungsunterschiede wie die oben gezeigten durch unterschiedliche Schreibung anzuzeigen, wenn sie nicht zusätzlich durch weitere Merkmale (zum Beispiel Erweiterbarkeit) unterstützt werden. Normalerweise ergeben sich dadurch bei einem Text ja keine Verstehensprobleme, vgl. neu einheitlich mit Getrenntschreibung: Sie ist trotz der verschneiten Straßen gut vorwärts gekommen. - Sie ist beruflich gut vorwärts gekommen. Zum andern wird, wie im genannten Beispiel, wenn immer möglich, der Getrenntschreibung der Vorzug gegeben, da auf diese Weise die einzelnen Bestandteile eines Textstückes grafisch deutlicher kenntlich gemacht werden, was das Lesen erheblich erleichtert. Man hat sich dabei unter anderem an die folgenden Grundsätze gehalten (für weitere Einzelheiten muss man das Regelwerk oder das Wörterbuch konsultieren):

Ähnliche Eingriffe in die Bedeutung sind in anderen Reformbereichen zu beobachten, etwa in der Getrenntschreibung oder Komma-Abstinenz. Die Behauptung, das Lesen werde aufgrund größerer grafischer Deutlichkeit erleichtert, ist allerdings falsch, denn neben der Bedeutung von Wörtern wird selbst ihre Aussprache mißachtet: Wenn der Duden in der Einleitung "Die neue Rechtschreibung, Informationen zum Thema" schreibt: "Lassen Sie sich Beispiele für die neue Schreibung näher bringen, [...]", so erwartet er, daß der Leser näher bringen auf der ersten Silbe des ersten Wortes betont. Tatsächlich werden aber getrennt geschriebene Wortgruppen etwa mit näher in der Regel auf einer Silbe des zweiten Wortes betont: "Ich will es näher be'trachten", "näher unter'suchen" etc.
    Fraglich ist dabei nur, ob die Änderungen der Bedeutung und Aussprache auch auf Seiten der beteiligten Kulturpolitiker aus böser Absicht geschahen – oder einfach nur aus Dummheit...

Totalitäre Absicht steckt allerdings hinter der Methode, die deutsche Sprache nicht nur in der Zukunft, sondern auch rückwirkend zu "reformieren": In Orwells Roman ist bekanntlich eine Behörde ständig damit befaßt, die Geschichte gemäß den aktuellen staatlichen Bedürfnissen umzuschreiben; historische Fakten gibt es nicht mehr. Die Kultusbehörden tun heute im Prinzip dasselbe: Ältere Texte – egal ob historische Quellen oder fiktionale Texte – werden in Schulbücher in verfälschten Versionen abgedruckt, die übrigens oft genug nicht einmal der "Reform" entsprechen, da die Verlage die "Reform"-Regeln oft nicht verstanden haben. Die Originaltexte werden nur dann noch abgedruckt, wenn die Autoren die Fälschung verbieten und dieses Verbot notfalls gerichtlich durchsetzen.
    Natürlich haben die "Reformer" für ihre Fälschungen bekannte "Gegenargumente" parat: Der Inhalt ändere sich ja nicht, nur die Form bzw. Schreibung, und außerdem seien ja immer schon alte (etwa mittelalterliche) Texte an die zeitgenössische Schreibung angepaßt worden. Diese Rechtfertigungsversuche sind nicht nur falsch – siehe oben zu Bedeutungsunterschieden –, sondern in doppelter Weise verlogen: Wenn der Inhalt nicht angetastet würde, so wäre das ja noch kein Grund für eine Änderung der Schreibung älterer Texte. Vor allem aber wurden früher alte Schreibweisen (und auch die Wortwahl!) aktualisiert, um die Verständlichkeit zu gewährleisten: Kein Gegenwartssprecher würde sonst einen alt- oder mittelhochdeutschen Text verstehen. Historische Quellen und literarische Texte des 19. oder 20. Jahrhunderts sind jedoch für jedes Schulkind des 21. Jahrhunderts ohne orthographische Änderung verständlich. In Wahrheit geht es also um die totalitäre Absicht, den Eindruck zu vermitteln, die "Reform"-Schreibung sei auch in früheren Jahrhundert üblich gewesen, und neuen Schülergenerationen das Erscheinungsbild der konventionellen Schreibung und somit die Möglichkeit des Vergleichs vorzuenthalten.

2005: Der gläserne Bürger

Der Eingriff in die Sprache des Volkes ist nur ein Glied in der langen Kette der Entliberalisierung des Staates und Entmachtung seiner Bürger – 2005 kommen mehrere Anschläge auf ihre Souveränität hinzu, die totaler staatlicher Kontrolle unterwerfen, was sie schreiben, wohin sie fahren und was sie bezahlen oder einnehmen:


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