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Reformziele: verkannt und vielfach verfehlt

Die Regierungschefs der deutschen Bundesländer erwarteten 1995 explizit "von der Neuregelung der deutschen Rechtschreibung eine Erleichterung des Schreibens und Erlernens des richtigen Schreibens. Vereinfachungen des Regelwerks sollen sicherstellen, dass die Sicherheit der Sprachbeherrschung in Schule und Alltag gesteigert wird." Außerdem verlangten sie eine umfassende Beteiligung der Öffentlichkeit.
    Typisch dabei war, daß sie das wichtigste Kriterium für die Qualität von Sprache, nämlich ihre Verständlichkeit, vergaßen:

1. Verständlichkeit

Erlernbarkeit Erlernbarkeit · Logik Logik · "Kompetenz" Staatliche "Kompetenz"

Eine Sprache ist ein Kommunikationsmittel, und bei diesem ist das wichtigste Kriterium die Verständlichkeit, die es auch unter schwierigen Umständen sicherzustellen gilt. Sie ist für Sprachen so wichtig, daß dafür auch Redundanzen in Kauf genommen bzw. eingesetzt werden:

Wer sich mit Linguistik befaßt hat, kennt solche Redundanzen: In der deutschen Sprache fallen – etwa im Gegensatz zum Englischen – die vielen, für die Deklination und Konjugation ('Beugung') gebrauchten Endungen auf, die über das theoretisch notwendige Maß hinausgehen. In dem Beispielsatz "Sagst Du den Männern Bescheid?" etwa wird die zweite Person (Du) sowohl durch das Pronomen ('Fürwort') Du als auch die Verb-Endung st in sagst ausgedrückt; und daß es sich bei den Männern um mehr als einen (also die Mehrzahl bzw. den Plural) und außerdem um den 3. Fall bzw. Dativ (wem?) handelt, wird durch die Endung n im Artikel (der>den) wie im Substantiv (Mann>Männer>Männern) angezeigt. Diese Redundanz ('Wiederholung') von Information lohnt sich immer dann, wenn etwa durch Nebengeräusche oder eine weite Entfernung nicht alle Informationen beim Gesprächspartner ankommen, dieser aber dennoch den ganzen Satz verstehen soll.

Die Verständlichkeit einer Sprache muß natürlich auch in ihrer schriftlichen Form gewährleistet sein: Da der Schrift der situative Kontext (Situation, Gestik, Mimik, die Möglichkeit der Nachfrage) weitgehend fehlt, hat sie die Fähigkeit entwickelt, etwa durch Pausen- und Betonungszeichen (Komma, Gedankenstrich, Ausrufe- und Fragezeichen) ihre Defizite auszugleichen und sogar Wörter zu unterscheiden, die gesprochen gleich klingen: Leib – Laib, Lerche – Lärche. Die Grundfunktion einer Rechtschreibung, ihre Verständlichkeit, muß als Ziel immer an erster Stelle stehen, ihre Einfachheit aber erst an nachgeordneter Position. Das ergibt sich auch daraus, daß

  1. Schreiben ja nicht um seiner selbst willen geschieht, sondern damit (meist) andere nachher etwas lesen können,   und daß
  2. derselbe Text in der Regel (viel) häufiger und von (viel) mehr Personen gelesen als geschrieben wird – letzteres nämlich üblicherweise nur von einer.

Entscheidend für die Verständlichkeit eines Textes ist also seine leichte Lesbarkeit. Wer hingegen die angebliche Erleichterung für Schulkinder beim Schreiben(lernen) an erste Stelle setzt, gefährdet den Zweck der Sprache schlechthin, nämlich die Kommunikation in Wirtschaft und Wissenschaft, Politik und Privatleben etc. Das notwendigerweise wichtigste Ziel jeder Sprachreform haben die Reformer also verkannt.

2. Erlernbarkeit

Die leichte Erlernbarkeit, die Einfachheit einer Rechtschreibung ist dann, wenn ihre Verständlichkeit voll und ganz gewährleistet ist, nicht nur akzeptabel, sondern durchaus wünschenswert. Leider hat die Reform gerade hier meist versagt:

Das grundlegende Mißverständnis vieler Reformeiferer besteht darin, daß "ABC-Schützen", die ja durch keine Vorerfahrung mit Rechtschreibung belastet sind, allein dadurch mehr "recht" bzw. richtig schreiben können, daß häufige Fehler einfach zur Rechtschreib-Regel erklärt werden. Diese Behauptung ist zwar weit verbreitet, aber grundsätzlich wie empirisch (erfahrungsgemäß) falsch:

a) Schreibfehler als "Regel" zu deklarieren und dadurch von ihrem Fehler-Charakter zu befreien, macht grundsätzlich nur Sinn, wenn

Entscheidend ist also, daß die Neudefinition richtiger Schreibung im wesentlichen deskriptiv erfolgt, sich also an praktizierten Schreibmustern orientiert. Genau das aber macht die Reform nicht, vielmehr erfindet sie neue Regeln, die es zuvor nicht gab, ohne die konventionellen Schreibweisen eliminieren zu können. Keinem Kind, das bisher ein das nicht von einem daß unterscheiden konnte, ist damit gedient, daß es nun das von dass unterscheiden soll: Der Bedeutungsunterschied zwischen beiden Schreibweisen bleibt bestehen, eine (wenn auch sehr zweifelhafte) Vereinfachung wäre nur gewesen, 'das' immer so zu schreiben, wie man es spricht, also "das", denn genau so schreiben diejenigen, die den Bedeutungsunterschied nicht fühlen. Hinzu kommt, daß Kinder auch weiterhin in Büchern, Zeitungen und Briefen z. B. "daß" lesen.

b) Was vom Prinzip her nicht funktionieren kann, funktioniert natürlich auch nicht in der (Schul- und Verlags-) Praxis: Wie die Erfahrungen der Lehrer und statistische Auswertungen von Zeitungsartikeln zeigen, hat die an den Reformregeln gemessene Fehlerhäufigkeit keineswegs abgenommen, vielfach sogar zugenommen. Die bis 2007 womöglich einzige wissenschaftliche Untersuchung zur Umsetzung der Zwangsreform an Schulen hat Prof. Dr. Harald Marx, ein Erziehungswissenschaftler und Schriftsprachforscher der Universität Leipzig, in den Jahren 1996, 1998 und 2001 durchgeführt: Seine Vergleichsstudien an Grundschülern ergaben, daß sich die ss-Schreibung, das Markenzeichen der "Reform", seit ihrer Einführung vermehrt und verschlechtert. Der Neuen Osnabrücker Zeitung sagte er am 21.08.2004: "Wir müssen uns davon verabschieden zu glauben, dass die Reform eine Erleichterung gebracht hat." Der Wissenschaftler empfiehlt statt eines künstlichen Reformwerks eine natürliche Auslese, denn über Regeln lasse sich das Schreibenlernen nicht steuern: "Auch wenn das nach wie vor viele Pädagogen meinen. Das Lernen vollzieht sich nicht nach den Regeln der Sprachwissenschaftler, sondern läuft auf der Ebene der Wahrnehmung des Einzelnen ab."
    In der Praxis wie in der Theorie ist die Reform also gescheitert.

3. Logik

Rechtschreibung solle logischer werden, wird viel argumentiert, die Widersprüche und Ungereimtheiten sollten verschwinden. Auch dieser Wunsch ist durchaus nachvollziehbar und verständlich — aber was in einer Sprache – in ihrer mündlichen oder schriftlichen Ausdrucksform – ist "logisch"?

Der Begriff der Logik ist einer Sprache fremd. Was Sprachen hingegen kennen, ist das Prinzip der Einheitlichkeit: Auch muttersprachliche Sprecher einer Sprache haben ein Gefühl für Regelbrüche, die sie gerne durch Vereinheitlichung der Regel auflösen. Typische Beispiele sind die unregelmäßigen Verben, die im Laufe der Sprachgeschichte dazu tendieren, wieder regelmäßig zu werden. Bekannte Beispiele im Deutschen sind: "frug – fragte" und "buk – backte".

In der Rechtschreibung wird von Laien als "logisch" häufig die etymologisierende "Stammschreibung" verstanden: Man müsse einem Wort ansehen, von welchem anderen Wort es abstammt. Wieso aber ist eine "Stammschreibung" logischer als etwa eine Lautschreibung, die sich an der Lautung der Wörter orientiert? Eine wirkliche "Stammschreibung" ist in Wahrheit nie konsequent gefordert oder praktiziert worden, wie auch dieses Beispiel zeigt, das jeder aus seiner eigenen Alphabetisierung kennt: Der "Hund" wird zwar am Ende [t] ausgesprochen (Auslautverhärtung), soll aber mit einem d geschrieben werden, da man ja "die Hunde" (mit weichem [d]) sagt. Seit wann aber leitet sich die Einzahl von der Mehrzahl ab?
    Die Reformer sind genauso inkonsequent: Einerseits soll der Stengel jetzt "Stängel" stammgeschrieben werden, andererseits sollen Lehnwörter etwa aus dem Englischen im Schriftbild eingedeutscht, ihre Herkunft also vertuscht werden.

4. Staatliche "Kompetenz"

Ein weiteres, vielleicht sogar das entscheidende Ziel der "Reform" kam nur durch Zufall an den Tag: Am 31. Januar 1998 gestand Karl Blüml, österreichisches Mitglied der Zwischenstaatlichen Kommission, in einem Interview mit der Zeitung Der Standard: "Das Ziel der Reform waren aber gar nicht die Neuerungen. Das Ziel war, die Rechtschreibregelung aus der Kompetenz eines deutschen Privatverlages in die staatliche Kompetenz zurückzuholen."
    Gemeint war natürlich der Duden-Verlag. Das Verb zurückzuholen dokumentiert dabei den Glauben der Kommission, wem die "Kompetenz", die Rechtschreibung zu regeln, zusteht: nicht den Bürgern, sondern dem Staat. Ob dieses Reformziel dauerhaft erreicht ist, d. h. ob die Anmaßung einer Zuständigkeit für die deutsche Sprache Bestand hat, wird sich noch zeigen. "Kompetenz" im Sinne linguistischen Sachverstandes hat der Staat ohnehin nicht, da es immer die schlechtesten Wissenschaftler (falls überhaupt!) sind, die ihre Unabhängigkeit und damit die Wissenschaft schlechthin an ihn verkaufen.



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