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Kommunikationsmodell

Sprache ist ein Medium, ein Mittel der Kommunikation. Wie dieses Medium funktioniert, soll dieses bekannte Kommunikationsmodell aus der Sprachwissenschaft (Linguistik) verdeutlichen:

Sender ————> Empfänger
  "Kanal"  
Empfänger <———— Sender

Mit "Sender" ist natürlich der Sprecher bzw. Schreiber gemeint, mit "Empfänger" der Zuhörer bzw. Leser. Der "Kanal" ist das Kommunikationsmittel, also die Sprache; zusätzlich kann aber auch ein Medium gemeint sein, das wiederum Sprache vermittelt: ein Brief, ein Funkgerät etc. Einige banale Erkenntnisse zu diesem Modell, die jeder nachvollziehen kann, sind:

  1. Für erfolgreiche Kommunikation bedarf es nicht nur eines Senders, sondern auch eines Empfängers. Der einsame Rufer in der Wüste wird nicht gehört, und das ungelesene Buch teilt nichts mit.
  2. Damit Kommunikation im traditionellen (direkten mündlichen) Sinne erfolgreich ist, müssen beide – Sender und Empfänger, Sprecher und Zuhörer – zur selben Zeit am (annähernd) selben Ort sein. Erst die Technik hat uns die Möglichkeit beschert, auch zeitversetzt zu kommunizieren: Was ich heute in einen Stein meißele, auf Papier schreibe oder auf Band aufnehme, kann morgen oder Jahre später jemand lesen und hören, folglich verstehen.
  3. Kommuniktion ist einseitig (unidirektional), wenn einer spricht und andere nur zuhören (Erzählung, Radio), oder gegenseitig (bidirektional), wenn der Zuhörer antwortet.
  4. Der "Kanal" muß identisch sein: Wenn die Beteiligten jeweils eine andere Sprache oder nur einen anderen Dialekt sprechen, kommt Kommunikation nicht oder nur eingeschränkt zustande. Wenn am Funkgerät oder Radio die falsche Frequenz eingestellt oder für die richtige Sprache im Computer der falsche Font (Schriftsatz, Alphabet) geladen wurde, kommt ebenso nichts 'rüber.

Am wichtigsten ist hier der vierte Punkt: Es muß für erfolgreiche Kommunikation hinsichtlich des "Kanals" bzw. Mediums Einigkeit zwischen Sender und Empfänger herrschen: Beide müssen im wörtlichen wie übertragenen Sinne dieselbe Sprache sprechen. Grundlage dafür ist eine explizite oder stillschweigende Übereinkunft bzw. Konvention: Beide akzeptieren im Rahmen ihrer sprachlichen Möglichkeiten die Sprache des anderen, um sich verständigen zu können.
    Diese Akzeptanz ist nicht immer freiwillig und gegenseitig: Oft genug wurden Minderheiten auch in unseren europäischen Nachbarstaaten (Basken, Bretonen, Katalonen, Walliser etc.) mit totalitärer Gewalt zur Anwendung und Übernahme der jeweiligen "Nationalsprache" gezwungen, in anderen Fällen war es aus wirtschaftlichen Gründen opportun oder sogar überlebenswichtig, sich auch sprachlich dem mächtigeren Nachbarn anzupassen. In allen diesen Fällen ist die Kommunikation zunächst gestört, und der Schwächere sieht sich einem (massiven) Druck ausgesetzt, sie auf seine eigenen Kosten wiederherzustellen.

In allen anderen Fällen ist die Konvention freiwillig: Jeder bemüht sich schon aus Gründen der Höflichkeit, verständlich zu sein. Man spricht besonders deutlich, wenn das Gegenüber ein Ausländer ist, man spricht lauter, wenn Nebengeräusche oder eine gewisse Entfernung zum Gesprächspartner dies nahelegen, man vermeidet Fachjargon, wenn der andere nicht "vom Fach" ist, man bemüht sich in einem Brief um eine bessere Handschrift als in persönlichen Aufzeichnungen und formuliert auch reflektierter, damit auch ein anderer zu einem späteren Zeitpunkt die eigenen Gedanken nachvollziehen kann.
    Vor allem benutzt man in Schreiben aller Art dieselbe, d. h. konventionelle Rechtschreibung: Nur wenn der Kommunikationspartner die geschriebenen Worte auf Anhieb wiedererkennt und flüssig lesen kann, versteht er sie auch sofort. Es würde ihn unnötig irritieren und verärgern, wenn in einem Schreiben ohne Absprache mit ihm z. B. alle Wörter groß oder klein geschrieben wären oder statt "ei" immer "ai" geschrieben worden wäre. Und deshalb irritiert es ihn auch, wenn er plötzlich ein "muss" lesen muß. Im Prinzip ist ein rechtschreibreformierter Brief an jemanden potentiell genauso rücksichtslos oder gar beleidigend, wie wenn man diese Person ohne Absprache duzen würde.

Genau hier muß die größte Kritik an der Zwangsreform ansetzen: Diese wendet sich an die Bürger nicht als gleichberechtigte Kommunikationspartner, sondern wendet sich totalitär gegen sie als Untergebene; sie ist nicht konventionell, d. h. sie gründet sich nicht auf eine evolutiv geänderte Schreibpraxis und Akzeptanz der Bevölkerung, sondern versucht, dieser eine andere Norm aufzuzwingen, die diese nicht gewohnt ist und mehrheitlich nicht will; sie stört durch die in amtlichen Schreiben geänderte Schreibweise die Kommunikation zu genau den Bürgern, denen sie eigentlich dienen soll; sie geht schließlich soweit, die Menschen ihren eigenen Kindern in einer eminent wichtigen Kulturtechnik, nämlich der Rechtschreibung, zu entfremden, um diese schließlich über die Jugend durchzusetzen. Ähnliches hatten wir in Deutschland schon.


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