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Gesellschaft zur Schreibreform

Wo, wie, warum verbreitet sich die neue Schulschreibung in der Gesellschaft? Wer ist mehr, wer weniger betroffen? Bekannt ist zunächst zweierlei: 1. Die öffentliche Verwaltung und die Schulen wurden zur Übernahme der reformierten Schreibung verpflichtet, während Privatleute, also auch Unternehmen, Verlage etc., nicht betroffen sind. 2. Bei Umfragen zum Thema sprachen und sprechen sich 75–80% der Bevölkerung gegen die Zwangsreform und für die Rückkehr zur konventionellen Schreibweise aus.
    Im folgenden werden die Rollen der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, ihre Einstellungen und Handlungsweisen bezüglich der Zwangsreform beleuchtet, und zwar "oben", also bei Politik und Verwaltung, angefangen. Auffällig ist, daß die Verursacher der Reform bzw. des Problems eine zwar "nennenswerte", aber zahlenmäßig winzige Minderheit darstellen: Mehr als ein paar Hundert Personen zwingen einer viele Millionen großen Gesamtbevölkerung ihre Ideologie auf. Auffällig ist auch ein immer wieder erkennbares Leitmotiv für die Übernahme der Schreibreform: das Bedürfnis zur "Anpassung" ...

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Politiker

Das Projekt "Rechtschreibreform" wird, wie der geschichtliche Abriß zeigt, in der Bundesrepublik Deutschland schon seit dem Zweiten Weltkrieg betrieben: langatmig und zäh in mehreren Anläufen, an deren Erfolg nach ca. fünf Jahrzehnten kaum noch jemand glauben wollte. Der lange Anlauf legt auch nahe, daß eine Schreibreform immer politische Nebensache war – selbst in den "zuständigen" Kultusministerien; das politische Establishment insgesamt war nie damit befaßt. Der Eindruck, den die Einzelheiten der Reform nicht nur bei Fachleuten (also Linguisten) erzeugt – nämlich daß sie trotz der langen Genese inkompetent mit "heißer Nadel" gestrickt worden sei –, schürt den Verdacht, daß man nach so langer Zeit endlich "zu Potte" kommen wollte, egal wie das Ergebnis sein würde.
    Erkennbar ist aber zugleich eine von Anfang an totalitäre Grundeinstellung zur Sprache: Diese gehört nach Meinung der "Verantwortlichen" in den Kultusministerien offenbar nicht dem Volk und kann daher nach Belieben verändert und den Auffassungen und Interessen des Staates (d. h. der Regierung) unterworfen werden. Zumindest "ungewöhnlich" (um nicht zu sagen "unerträglich") für eine Demokratie bzw. einen Rechtsstaat sind zwei Phänomene:

  1. Die Schreibreform wurde 1996 nicht etwa vom deutschen Bundestag beschlossen, sondern allein von den Kultusministern der Länder auf dem Erlaßwege durchgesetzt, weil es sich angeblich nicht um eine "wesentliche Entscheidung" in einem "grundgesetzrelevanten Bereich" handelte, die der Befassung und Zustimmung der Parlamente bedurft hätte. Wie ein ganzes (!) Volk schreiben soll, das ist offiziell "Ländersache" und kann somit von jedem Land autonom und zudem dort nur durch eine einzige Person entschieden werden.
        Natürlich hätten die Parlamente das Thema an sich ziehen können, und die Ministerpräsidenten, die die Richtlinien der Landespolitik bestimmen, hätten von ihrem Weisungsrecht Gebrauch machen können – aber sie taten es nicht, trotz der eindeutigen Stimmung in der Bevölkerung hielten sich fast alle "vornehm" zurück.
  2. Trotz der ungewöhnlich großen Ablehnung durch die Bevölkerung gibt es keine Partei, die sich diese Auffassung zu eigen macht, vielmehr sieht sich das Volk, sofern es in der Sache nicht gleichgültig ist, mit einer geschlossenen Ablehnungsfront der Parteien und Fraktionen gegen die Volksmehrheit konfrontiert. Nicht einmal einzelne Abgeordnete haben genug Rückgrat, sich der jeweiligen Landesregierung zu verweigern, solange diese die Reform nicht annulliert – Fraktions- und Koalitionsdisziplin kommt vor Demokratie.

Sprache ist seit der Reform kein "Selbstläufer", kein Medium mehr, das vom Volk selber geformt wird und sich autonom entwickelt, vielmehr greift der Staat in die Sprachentwicklung aktiv und totalitär ein in dem Versuch, dem Bürger – direkt (Behörden, Schulen) oder indirekt – eine bestimmte Form vorzuschreiben, die übrigens auch auf die Bedeutungsebene rückwirkt und daher fatal an den totalitären Staat in 1984 von George Orwell erinnert. Der Eingriff erfolgt/erfolgte mit zwei Instrumenten:

Wissenschaft

Natürlich haben die Politiker die Vorschläge ihrer "Fachleute" nicht einfach übernommen, vielmehr beurteilten sie diese und brachten sie in die Diskussion mit den Vertretern der jeweils anderen Länder ein. Somit gab es – was mit wissenschaftlicher Erkenntnis nichts mehr zu tun hatte – gleich drei Kompromißebenen: zwischen den "Fachleuten", zwischen den "Fachleuten" und ihren jeweiligen politischen bzw. staatlichen Auftraggebern und schließlich zwischen den Politikern der beteiligten Staaten.

Zuständig auf fachlicher Seite für die deutsche Sprache ist jetzt die erwähnte zwischenstaatliche Kommission am Institut für Deutsche Sprache in Mannheim, die allerdings keineswegs permanent tagt, sondern nach Bedürfnislage zusammenkommt, und das Institut selbst, das die Reform auch im Internet vertritt. Das hat zwei dramatische Konsequenzen:

  1. Ein Teil der Sprachwissenschaft läßt sich dafür instrumentalisieren, die Sprachentwicklung nicht mehr nur zu beobachten und zu dokumentieren, sondern aktiv im Auftrag des Staates zu steuern – und damit das Image der Wissenschaft schlechthin zu beschädigen: Sprachwissenschaft ist als solche immer deskriptiv; wer sich über die Deskriptivität hinwegsetzt, verrät sie – genau wie ein Arzt, der seinen hippokratischen Eid bricht, indem er sich vom Staat für Menschenversuche mißbrauchen läßt.
  2. Eine Kommission oder ein Institut, dessen staatliche Aufgabe die Normierung der Sprache ist, wird aus naheliegenden Gründen der Selbsterhaltung seine eigene Existenz niemals in Frage stellen, indem es die "Sprachreform" ganz oder teilweise zurückzieht oder nur auf dem jetzigen Stand einfriert; es wird im Gegenteil immer neue Änderungsvorschläge machen, um seine Existenzberechtigung auch auf Dauer nachzuweisen. Ein Vergleich z. B. mit einem Geheimdienst ist auf dieser Ebene durchaus gerechtfertigt.

Wenn die Sprachwissenschaft sich selbst als Wissenschaft ernstnähme, würden die Universitäten den Konflikt mit dem Staat nicht scheuen und nicht nur in der Forschung geschlossen an der deutschen Rechtschreibung festhalten, sondern sie auch in der Lehre für verbindlich erklären und in Schulschreibung verfaßte Seminar- und Staatsarbeiten von der Beurteilung ausschließen.

Behörden

Die "Rechtschreibreform" "kommt nicht rechtsverbindlich auf uns alle zu", heißt es in einem frühen Gerichtsurteil, sondern "nur" auf Behörden und Schulen. Das klingt zunächst harmlos, denn dem Normalbürger könnte es (im Gegensatz zu Beamten, die sich zur zwangsreformierten Schulschreibung nötigen lassen) ja egal sein, wie man in "Beamtenkreisen" schreibt. Leider konfrontiert sich aber der Öffentliche Dienst mit seiner bürgerunfreundlichen Schreibung nicht nur selber, sondern auch die Bürger, die davon mehrheitlich nichts wissen wollen. Die Reform kommt also sehr wohl auf die Bürger zu: mit jedem Amtsschreiben erneut und nicht zuletzt in der Schule Schule.
    Dabei ist die "Rechtschreibreform" nicht einmal für Behörden verbindlich, denn das höchste deutsche Gericht, das Bundesverfassungsgericht, hat am 14.07.2004 entschieden:
Soweit dieser Regelung rechtliche Verbindlichkeit zukommt, ist diese auf den Bereich der Schulen beschränkt. Personen außerhalb dieses Bereichs sind rechtlich nicht gehalten, die neuen Rechtschreibregeln zu beachten und die reformierte Schreibung zu verwenden. Sie sind vielmehr frei, wie bisher zu schreiben. Auch durch die faktische Breitenwirkung, die die Reform voraussichtlich entfaltet, werden sie daran nicht gehindert.

Schule

Schulen sind Schnittstellen zwischen Staat und Volk: Nicht nur reines Wissen wird hier vermittelt, sondern auch Werte, Meinungen etc. Insofern wird durchaus in die natürlichen Kompetenzen der Eltern oder anderer Erziehungsberechtigter eingegriffen, solche Eingriffe sollten aber in einem demokratischen Rechtsstaat nur im demokratischen Auftrag der Bürger erlaubt sein und das in einem demokratischen, den Menschenrechten verpflichteten Gemeinwesen erforderliche Minimum nicht überschreiten. Die Schulpflicht selbst ist nur legitim, wenn der Staat diese nicht gegen die Bürger und Eltern mißbraucht – etwa durch Erzwingung einer (Schreib-) Kultur, die nicht die der Eltern ist und die die heranwachsende Generation ihren Eltern und den älteren Generationen entfremdet.
    Genau das aber tut diese Reform. Ihre Durchsetzung hat nichts mit einer Vorbereitung auf einen künftigen Schreibstandard zu tun; vielmehr ist gerade die Zwangsunterrichtung der amtlichen Schulschreibung das Zwangsinstrument ihrer Durchsetzung. "Non scolae, sed vitae discimus", heiß ein alter lateinischer Spruch, 'nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir'. Mit ihrer Schulschreibung haben die Kultusminister diese Weisheit auf den Kopf gestellt: Sie lassen unsere Kinder für die Schule lernen in der Absicht, auf diese Weise im Leben außerhalb der Schule etwas zu etablieren, was es dort zuvor nicht gab, und uns Eltern nötigen sie, den Kindern beim Erlernen der Falschschreibung zu helfen.

Verlage

Die meisten Verlage haben, wie ein Blick in gängige Tageszeitungen, Wochenblätter und Magazine zeigt, die "reformierte" Schulschreibung 1999 überwiegend übernommen – nur überwiegend deshalb, weil die Deutsche Presseagentur (dpa) und die anderen deutschsprachigen Nachrichtenagenturen die konventionellen Kommaregeln, die Fremd- und Lehnwörter und die Großschreibung der Adjektive in feststehenden Begriffen beibehalten haben: Anfang 1999 beschlossen sie z. B.: "Die Agenturen bleiben bei der alten Form der Zeichensetzung, um die Lesbarkeit ihrer Nachrichten [...] zu gewährleisten".
    Ansonsten aber verschicken sie ihre Texte in "reformierter" Schreibung, wozu sie allerdings keineswegs verpflichtet waren. Wenn sie es aufgrund einer Abstimmung im Oktober 1999 dennoch taten, so kann man dafür verschiedene Gründe annehmen:

"Korpsgeist" bewies auch die Redaktion des Greenpeace-Magazins in ihrer Stellungnahme gegenüber dem Autor: Der Redakteur wiederholte trotz aller Verweise auf die übergroße Ablehnung in der Bevölkerung immer wieder, daß man "gemeinsam" diesen Beschluß gefaßt habe, daß die "Mehrheit" der Zeitungen und Zeitschriften die neue Schreibung verwende etc. So etwas ist allerdings besonders unverständlich im Falle von Zeitschriften, die nicht von unabhängigen Verlagen gemacht und an zahlende Kunden verkauft werden, sondern von Vereinen als Vereinszeitschriften an die eigenen Mitglieder verteilt werden, die ja nicht zahlende Kunden sind, sondern als Vereinsmitglieder zugleich die Eigentümer der jeweiligen Zeitschrift. Solche Redakteure verstehen sich als "freie Unternehmer", obwohl sie es nicht sind.

Die Wirtschaft

"Grüsse"

Das durch die Reform verursachte Chaos wird in der Wirtschaft am deutlichsten, da deren Schreibweisen anders als privates Schreiben öffentlich sichtbar sind. Wie allgemein in der Bevölkerung hat sich auch in Teilen der Wirtschaft ein diffuses Gefühl breit gemacht, man müsse sich der neuen Schreibung ungeachtet der eigenen, privaten Ablehnung in Geschäftsschreiben und Werbung anpassen, um nicht als altmodisch, konservativ oder gar rückschrittlich zu gelten. Die Folgen sind selbst in den Schriftprodukten eines einzelnen Betriebes (Korrespondenz, Broschüren, Werbung, Website) jeweils unterschiedliche Schreibweisen – auch solche, die auch nach der Schulschreibung falsch sind.
    Ein typischer, sicherlich millionenfach auftretender Fall ist die "überkorrekte" Schreibung mit Regeln --> Doppel-Konsonanten Doppel-s: Da die Amtsschreibung meist nicht durch ein ausführliches, mehrtägiges Seminar eingeführt wird, sondern in Form von Broschüren oder kopierten Hinweisblättern, macht sich in vielem Sachbearbeiter- und Sekretärinnenköpfen die Vorstellung breit, statt ß schreibe "man" nun ss. Die Folgen sind Briefe "mit herzlichen Grüssen" oder gedruckte Geburtstagskärtchen wie auf der nebenstehenden Abbildung.

Vereine

Die Schreibreform macht sich, wie man sieht, auch in vereinsinternen Publikationen breit. Na klar, könnte man meinen, warum sollten Vereine anders reagieren als die Verlage und die übrige Wirtschaft?
    Vereine sollten sich gerade deshalb anders verhalten, weil Vereinszeitschriften Mitgliederzeitschriften sind: Die Redaktion eines Vereins ist keine autonome, wirtschaftlich unabhängige Firma, die auf eigenes unternehmerisches Risiko handelt und für die Vertragsfreiheit ebenso gilt wie für ihre Käufer und Kunden; sie ist im Gegenteil ein von den Vereinsmitgliedern (direkt oder indirekt) demokratisch gewähltes Gremium, das im Auftrag der Mitglieder eine Publikation für eben diese Mitglieder erstellt, und diese sind keine "Kunden", sondern Auftraggeber, Eigentümer und sogar Arbeitgeber.

Diese Tatsachen haben aber einige Vereinsredaktionen nicht daran gehindert, sich von den eigenen Vereinen bzw. Vereinskollegen zu "emanzipieren" und unabhängig vom Willen der Mitglieder – die in Sachen Rechtschreibung ja in der Regel nicht anders denken als die Gesamtbevölkerung – eigenmächtig zu entscheiden, wie künftig geschrieben wird, mithin was die Mitglieder künftig zu lesen haben. Auf Nachfrage erklären solche Redaktionen in der Regel ganz selbstbewußt, daß eine Befragung der Vereinsmitglieder gar nicht nötig sei und man sich nur der in der Presse üblichen Praxis "angepaßt" habe. Dieselbe Redaktionen sind jedoch immer wieder enttäuscht, wenn ihre Anliegen auf taube Ohren stoßen und ihre Mitmenschen ihnen sogar nahelegen, sich dem Status quo bzw. aktuellen, vielleicht gegenläufigen Trend auf ihrem Betätigungsfeld anzupassen. Zwei Beispiele seien angeführt:

Das Volk

Die deutsch schreibende Bevölkerung – jene vielleicht 99%, die nicht schon in einer der vorausgegangenen Gruppe besprochen wurden – ist nicht Subjekt bzw. Urheber der Reform, sondern ihr Objekt und Opfer, und sie ist durch die Reform mehrfach gespalten:



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